Schriftsteller, Fotograf, Indipendent
 
schreibend und sehend leben


 

 





Heute,  am letzten Tag im Mai, flog dieser Vogel, weit weg irgendwo im Himmel, als ob er selbst Luft wäre - schwerelos.

Ich habe ihn fotografiert und seine Farben akzentuiert. In meinem Herz war ich ihm ganz nahe, flog mit ihm, als ob ich kein Gewicht hätte.

Wir Menschen sind dem Tier nicht überlegen, wir tragen Masken, fürchten uns, kriechen über die Erde, schwerfällig, unbeholfen, weit entfernt vom Flug des Vogels.

Um fliegen zu können, muss man Vogel sein: leicht, gedankenlos, instinktgeleitet.

Nur dann trägt dich der Wind -überall hin.



Eine Erzählung ...


... ist eine Geschichte in Worten. Oder man fotografiert sie in Bildern, und lässt die Bilder erzählen. Beides hat seinen Reiz und beides stellt eine Herausforderung dar. Eine gute Erzählung wird zum Narrativ, nimmt eine Form an, die zwingend in einem unbekannten Ende versinkt.

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Nach der Wahl ist … vor der Wahl. Es wurde gewählt und das Volk hat „Altbewährtes“ gewählt. Aber auch das Scheißbraune, Mist! Und jetzt jubeln sie, die Gewählten: die Abgeordneten-Diäten sind gesichert. Das ist eine Freude!!! Nicht jeder kann ‚nüßeln‘, auch wenn er es wollte, dafür fehlt dann doch die ethische Verworfenheit und der Platz an der Sonne. Mutti und die Kirche haben diesen moralischen Konflikt dem Kind ins Bett geflüstert. Nun könnte man so weiter-spinnen, aber das macht keine Freude – am wenigsten den Verlierern. Den Sozen und den Linken. Die einen, die Sancho Pansas mit ihrem Don Quichotte, die anderen die Altkommunisten, mit dem feurigen Karl Marx, mit dem Friedrich Engels, dem Unternehmer, mit der attraktiven Janine. Altbewährte Unterhosen ziehen sich die deutschen Michels am liebsten an, auch wenn sie zum Himmel stinken. „Das Schlimmste“ wurde verhindert, Gott-sei-Dank. So betrachtet, ist Deutschland knapp, aber verdient, an der Apokalypse vorbeigeschrammt: Weder die Rote Rosa, noch der kackbraune 88 sitzen nun im germanischen Sattel und terrorisieren ihre Untertanen bis auf das Blut: nein, es sind die ewigen Lageweiler, die gesiegt haben, zum Glück und drei-mal-Mal-Gott-sei-Dank, wo kämen wir denn da hin?! Es sind nicht die Sieger-Persönlichkeiten, deren Zeigefinger nach vorn in die strahlende Zukunft zeigt, es sind die heimlichen Hosenscheißer, die Arschkriecher, die Muttersöhnchen, die über das Trumpf-Ass gestolpert sind. Es sind „die, wie wir“, mit denen sich -wenn auch mit Bauchweh und Blähungen- jedermanns identifizieren kann, will, muss. So hat es der Deutsche (und hier muss ich Elke Heidenreich so was von recht geben: nicht der „Gegenderte“, weil das sprachlich verquirlte S…… ist, und so was von idiotisch daherkommt) demokratisch verdient, seinem Mangel an Fantasie, seiner Mutlosigkeit, seinem Hosenschiß und noch ein paar anderen weniger angenehmen und berühmten Tugenden, die Stange zu halten. So wird man Klassenbester in ganz Europa, ach was, in der Welt der verfemten „Globalisten“. Dabei habe ich noch eine Tugend unerwähnt im Dunkel der deutschen Geschichte vergessen: Der Heuchler und wendehalsige Opportunist. Ach wie herrlich ist doch die deutsche Sprache, für die kein ganzes Leben ausreichen kann, ihren Reichtum an Wörtern, ihre Fähigkeit, den Leuten auf die Finger zu schauen, ihre hintergründige Raffinesse und ihre kindliche Freude am Wortspiel, alle ihre Wendungen und Symbole zu lernen und zur Anwendung zu bringen. Das Volk der Dichter und Denker, hurra! Sprache korreliert mit Wahrnehmung und zeichenhafter Symbolik. Sie ist aber auch unmittelbarer Ausdruck kognitiver Prozesse. Und sie wird mitregiert aus der Welt der Gefühle, oder wie der Fachmann sagt, der Emotionen. Eine zentrale Emotion -die hochverdient seit Menschengedenken mitregiert- aller Lebewesen, ist Angst. Und, als ob es Brüderchen und Schwesterchen wären, Gehorsam. Es würde zu weit führen und wäre Thema einer ganzen Doktorarbeit, den verwickelten Prozess zwischen Sprache, Emotion und Verhalten hier in Kürze darstellen zu wollen. Nur die Asiaten (oh weh‘, ich trau‘ mir das gar nicht zu, den rassistischen Begriff zu flüstern, aus Angst vor möglichen Folgen, von denen Köpfen mit dem Schwert, Eingraben bis zum Kopf im Sand und Zerstückeln nur die  Spitze des Eisberges in der Wüste sind, geschweige denn, wenn auch nur der Hauch von Religion im Spiel ist) haben vielleicht  noch mehr Zeichen und Symbole, um ihre Jahrtausende lange Tradition zu zelebrieren. Ich bewundere sie, die Schriftzeichen in Tusche, die Hieroglyphen der Paläste. Wir sind alle Brüder und Schwestern, irgendwo sind wir alle miteinander verwandt, eine Rasse an humanoiden Zweibeinern, aber unsere Hände sind blutverschmiert und unsere Hirne gallengrün. Beherrscht von Angst und Gewalt, Angst als Emotion, Gewalt als Mittel der Durchsetzung. Hätten wir -etwas weniger als allgemein üblich- weniger Angst und weniger Gewaltbereitschaft, dafür mehr Mut und Kühnheit, mehr Zivilcourage und Lebensfreude, wir alle wären risikofreudiger, lebensbejahender, fröhlicher, optimistischer, tatendurstiger und mit einigem mehr an bewältigungsorientierter Tatkraft gesegnet. Wir wären Schöpfermenschen, nicht nur Häuslebauer und Schafkopfer. Unsere kommunikative Relevanz wäre kein Tribut an die Sinnlosigkeit, sondern an die Freude des Entdeckens und Ausprobierens. In allen Bereichen: Familie, Religion, Schule, Gesellschaft, Motivation, Expedition, Vision und Zukunft. Denn, seien wir doch ehrlich, die Angst vor dem Feind, dem Anderen, dem Fremden, die sitzt tief. Die wurde uns allen in die Windeln gepredigt. Nun will ich allmählich zum Ende kommen -nach der Wahl, ist …- die Zukunft. Der Klimaretter, der Influencer, der Post-Sars-Cov2-Überlebenden, der Geläuterten und Gewandelten, der Saubermenschen und Optimisten. Der Checker! Die Sprache wandelt sich in Zeit, in Zukunft, in Hoffnung und Zeitgeist. Die Zeichen bleiben, oder verschwinden, … vor der Wahl. Sprache ist – gefährlich, vergessen Sie das nie! Ernst Lipps, Juni 2021

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Sprechen ist eine Fertigkeit, die ein Kind erst erlernen muss, um sich mit der Welt verständigen zu können. Denken ist eine Gabe, die dem Menschen verliehen worden ist und die er sich angeeignet hat. Lernen ist ein Werkzeug, das sich -unter anderem- des Denkens und Sprechens  bedient. Um dieses neuro-kortikale Netz zu entwickeln, braucht es Erfahrungen. Sprachliches Verhalten ist Ausdruck und  Mittel menschlicher Kommunikation. Lernen setzt Neugierde voraus und vorurteilsfreie Offenheit. Lernen kann ich nur, wenn ich bedingungslos Fragen stellen darf, sonst werde ich lediglich "konditioniert" wie der Pawlow'sche Hund. Ich bin ein Kind des 20. Jahrhunderts und werde im 21. Jahrhundert sterben. Was habe ich in dieser Zeitenwende gelernt? Einiges, meine ich, vieles und manches nicht. Dort, wo Sprache verstummt, endet das Denken, dort herrscht der Dschungel der Emotion, des Gefühls. Und der Reflexe.  Das Repertoire, die Mottenkiste der Manipulatoren, ist digitalisiert worden, "modern" ausgestaltet, aber die Muster sind uralt und gleich geblieben. Die Frage ist, ob das Kind sich von den "Eltern" emanzipiert hat, oder sich identifiziert mit alten Mustern.

Das setzt zwingend Denken und Lernen voraus und die Unbestechlichkeit der Sprache. 1 + 1 = 2. und Zwei und Zwei ist ungleich Fünf. das Denken bestimmt das Sein und umgekehrt. Lerne denken, du Mensch, und sprechen. Denn das Maß ist voll. Glaube nicht den "Eltern", die dir sagen wollen, dass sie alleine richtig liegen, benutze deinen Geist, die Logik, deine Gefühle, um dein Handeln zu lenken. Und möchtest du lieber schweigen -es sei dir unbenommen-, aber bedenke, es ist nicht möglich, nicht zu kommunizieren, orakelte einst Watzlawik. wer angesichts der kleinen und großen Diktatoren (die weiblichen Exemplare mit hinzugezählt) des 21. Jh.'s n. Chr. schweigt, verstummt, kuscht und klein beigibt, hat nichts gelernt, ist aber konditioniert worden wie der Pawlow'sche Hund. Das ist eine uralte Binsenweisheit, da muss man nicht einmal studiert haben, jedes Kind lernt das: wenn ich den Brei, den man mir vorsetzt, nicht aufessen will, dann setzt es Strafe.

Die Menschheit mag inzwischen viel mehr wissen als in früheren Jahrhunderten, aber weiser ist sie dadurch nicht geworden. Sie reagiert nach steinalten, archaischen Mustern: Zuckerbrot und Peitsche, Friß', oder stirb'! Sprache und Verhalten, habe ich gelernt, sind der Hebel des Archimedes, den menschlichen Geist zu revolutionieren. Die Frage ist: wann?



Veröffentlichung in OLDTIMER MARKT, Europas größtes Oldtimer Magazin, veröffentlicht in der 07/2020e

Wer gerne liest und das ein Leben lang, stößt irgendwann auf den Namen George Orwell, oder einen Buchtitel wie 'Farm der Tiere' usw.: Sein wohl bekanntestes und letztes Buch "1984" begann er 1946 auf der Insel Jura hier an dieser Stelle zu schreiben, auf der Barnhill Farm im Nordosten der Insel, die zu den Inneren Hebriden Schottlands gehört. Irgendwann in meiner Jugend fiel es mir in die Hände, ich begann zu lesen, las nicht zu Ende, Jahre, Jahrzehnte vergingen, aber "1984" vergißt man nicht, wenn man damit angefangen hat. Eine Dystopie, eine düstere Zukunftsvision. Damals war es für mich ein zu schwerer Stoff, für den ich weder das nötige Bedingungswissen, noch die emotionale Reife und Stärke hatte. Denn der wahre Horror ist alleine mit Blut und Schmerz, mit physischen Verwüstungen, nur unvollständig abbildbar. Orwell bringt es fertig, dass unsere Seele erfriert und unsere Fantasie kapituliert. Als ich im Sommer 2018 gefragt worden bin, ob ich in einem Oldtimer mit nach Schottland fahren will, da befand ich mich am Beginn eines neuen Lebensabschnitts, besser gesagt, am Beginn des Endes des alten. Es brauchte Zeit, dorthin zu gelangen, wo 'Fantasie auf Wirklichkeit trifft" (Lipps). Aber, schließlich war es so weit: da lag die Barnhill Farm. Dorthin muß man zu Fuß gehen, 12 Kilometer alles zusammen. Orwell schlief im Zelt, draußen vor dem Haus. Er hätte es sicher bequemer haben können, ich glaube er brauchte die Berührung mit der nackten Erde, um seinen Roman zu schreiben, seinen Letzten. Eine Geschichte zu schreiben, die weder banal, noch abgedroschen wirkt, in der man fröstelt, die Liebe, das Grauen, die verlorene Hoffnung und ähnliches findet, die schreibt man nicht  am sauberen Schreibtisch mit Zentralheizung. Solche Geschichten brauchen den Regen, die Kälte, das zwielichtige Grau. Und noch mehr: Erfahrung, Verarbeitung des Erlebten, sprachliches Ausdruckssvermögen, Vorstellungskraft und eiserne Disziplin. Alles braucht seine Zeit, im Leben und in der Literatur. Warum erzähle ich das? Die Antwort findet man in "1984". Und auf Jura.



Das 'Vater-unser' der Mörder und Bluthunde:

Sei ein Sklave, gehorche!

"Ich liebe die Partei, Ich bin glücklich, Ich lasse mich gerne von Big Brother überwachen Ich liebe ihn."



An den Bruchstellen der Persönlichkeit gilt:

Es herrscht Krieg und jeder ist auf sich alleine gestellt; der Terror kommt von oben.  Berichte und Kommentare, die die Gewalt- und Unterdrückerbande, beispielhaft beobachtbar in Myanmar, nicht nur mit warmen Worten oder Schweigen passiv duldet und die Besten eines Volkes verrecken lässt. Die sogenannten Demokratien versagen vor Menschenschlächtern. Der Widerstand des Volkes von Myanmar von überall. Wie groß müssen Verzweiflung und Wut sein, um diesen Löwenmut aufzubringen?

Euch hilft keiner, aber ihr werdet siegen und ..."nicht vergeben."

Quellen:

https://www.tagesschau.de/kommentar/tage-des-terrors-myanmar-101.html

https://www.tagesschau.de/ausland/myanmar-untergrundkliniken-101.html

https://www.tagesschau.de/ausland/myanmar-moenche-proteste-101.html


GEWALT und SCHULD im Kontext der Zeit


Letztendlich müssen die Täter  keine Angst haben, sie werden nicht zur Rechenschaft gezogen, und die Demokraten waschen sich ihre Hände in Unschuld. Die sich selbst lobenden, sogenannten „Demokratien“… könnten Hoffnung sein, solange sie sich nicht direkt und indirekt an der Schizophrenie der Mörder beteiligen,  im Jemen, in Belarus, in Myanmar, in Syrien und anderen einschlägigen Stellvertreter-Brennpunkten, wenn sie einerseits heuchlerisches Entsetzen bekunden am Blutrausch der Bestien, die ihr Volk unterdrücken, sich vornehm „distanzieren“, andererseits aber ängstlich auf ihre Aktienkurse blicken und „Sorge tragen“, dass Industrie und Waffengeschäfte ungehindert florieren und dass Profiteure, Händler, Kriegsgewinnler und Verbrecher die Champagnerkorken knallen lassen und Kaviar goutieren können. Das ist Heuchelei in Bestform. Freiheit hat ihren -blutigen- Preis. Den zahlen die Opfer und Heldinnen, die mutigen und verzweifelten Menschen. Sie sind die Zukunft der Menschheit, die überleben will, nicht die arroganten, reaktionären Zynikerinnen, die von Demokratie und Globalisierung schwafeln und deren Ignoranz, schizophrene Inkonsequenz und Heuchelei, die Freiheit mit Soldatenstiefeln treten hilft. Freiheit -und es gibt nur eine universelle davon- verlangt ein Umdenken und ein wirkungsvolles Handeln, verlangt langfristige Konsequenzen, keine leeren Worte.


Jede Herrschafts-Elite findet ihr Spiegelbild im Volk.



Sie nennen das Utopie; ich nenne es Hoffnung und Zukunft.einer neuen Menschheit.






RENDEZ-VOUS-IMAGE 2020


Ein Mensch, der sich als schreibend wahrnimmt wie ich, der ohne zu schreiben nur schwer leben könnte, was nicht bedeutet, dass er immer schreiben muss oder zwanghaft reagiert, wenn er mal nichts schreibt, will und muss das Geschriebene zeigen, teilen, wie man es heute nennen würde. Wenige Tage, nachdem ich mein erstes selbst erstelltes Buch bei Wanderer bei Hannover hatte drucken lassen, hatte ich einen Traum: ZEIT, mein eigenes Buch geht seinen Weg, verlässt mich, um hinaus zu gehen in eine dunkle, schmutzige, ja dreckige Welt. Es ist ein Teil von mir, der ab jetzt ohne mich sein Eigenleben führt. Das waren meine spontanen Gedanken und Empfindungen mitten im Traumgeschehen. Das Loslassen und Verlassen ist der entscheidende Schritt. Das war im Januar 2016: ich musste loslassen, von der Idee, von der Umsetzung, vom Ende des Entstehungsprozesses dieses Buches. Und so ist es bis heute geblieben, der Urheber hat wenig bis gar keinen Einfluß mehr, was daraus wird. ZEIT ist ein Findling, ein Schriftstück mit Fotografien zwischen zwei Hardcover-Buchdeckeln. Ich will mich nicht auf den Wert -wie immer man den definieren kann- eines solchen Produktes konzentrieren, sondern auf den Prozess seines Zustandekommens. Die erste und wichtigste Frage ist, würdest du das nochmals machen? Dir ein Buch aus den Rippen schneiden? Für eine positive Antwort gäbe es verschiedene Kriterien, anhand derer man die Frage beantworten könnte. Mir war von Anfang an klar, dass es jenseits der 60 illusorisch ist, sich auf die mit Gewissheit frustrierende Suche nach einem Verlag zu machen, aussichtslos! Unrealistsisch. Für mich schied das von vorneherein aus. Ich nahm die Sache selbst in die Hand und auch für meine Verhältnisse viel Geld: vorfinanziert, den Druck. Heute gibt es ein massives weltweites Überangebot an guten Büchern, die ihre Leser-innen suchen, besonders bei Fotobüchern. Um ein eigenes Buch zu machen, muss man dafür arbeiten. Und wenn man wie ich damals noch mitten in seiner ursprünglichen Profession steht und seinen Lebensunterhalt damit verdient, kann das nur bedeuten, dass man einen Nebenfluss zum Strom gräbt, in der Hoffnung, Nuggets zu finden: Goldgräberromantik, sonst nichts. Wenn ich also jeden Cent selbst bezahlen und verdienen muss, dann will ich auch mit sprühender Freude und unbeschreiblichem Hochgenuss zu Werke gehen, dessen war ich mir bezüglich meiner intrinsischen Motivation gewiss. Ich mache mein Buch ganz wie ich es will, allerdings wohl darauf achtend, was andere dazu meinen. Letztendlich bleibt es die eigene Entscheidung.


2020 - Ja, ich würde es noch einmal machen, genau so, nicht anders: auf eigene Faust und Risiko, in der Lust des Momentes, im zündenden Augenblick, wenn die Ideen kommen und festgehalten werden wollen. Und die Ideen, Wort, Sätze kamen spontan: auf dem Weg zu Fuß, zur Arbeit - päng, ein Gedanke, so klar, dass ich kaum erwarten konnte, am Schreibtisch in der Praxis damals noch zu sitzen und ihn schnell auf einen Zettel zu schreiben, bevor der Alltag seine Erinnerung raubt. So begann oft mein Arbeitstag, damals. Und heute sitze ich hier in den selben Räumen, die keine Praxis mehr sind, sondern ein Atelier, eine Werkstatt wie es auf gut Deutsch heißt. Der Schreibtisch, die Werkbank, alles andere losgelassen, zurückgelassen, viele, viele Illusionen, die ganz besonders, schmerzlich und gut so. Trennung von Illusion und Realität. Aber ganz ohne Illusionen oder romantischen Vorstellungen geht es auch nicht, dafür wäre das Leben zu arm. Wenn ich mich in den vergangenen Wochen und Monaten ab und zu etwas eingehender mit anderen Menschen unterhalten habe, dann kam irgendwann bei meinem Gegenüber die Sprache auf die Zukunft und auf die still gehegten Träume und Pläne, deren Zeuge ich dann geworden bin. Das gab mir die Gewissheit, dass in vielen, vielleicht in den meisten Menschen im Inneren eine eigene Welt hockt, verborgen und gesichert vor der brutalen Umwelt, die ihre eigenen Gedanken, Emotionen, Geschichten und Träume hat. Vielleicht ist es das, was die Menschheit bisher vor dem Untergang bewahrt hat, die Sehnsucht nach dem Anderen Leben, dem Geträumten, Ersehnten, Wahren. Viel Geld, Reichtum, Macht, Jugend, Schönheit, Einmaligkeit - alles vergänglich. Die Zeit läuft, zinslos.


Nur zurück in die Vergangenheit blicken, sinnlos. Hektisch so viel wie möglich in einen einzigen Tag hineinpacken: ungesund und dumm. Mit aller Hoffnung an eine bessere Zukunft glauben: naiv. Es ist nicht die Linearität der Prozesszeit des Lebens, es sind die Anker, die uns mit unserem Leben halten und verbinden, die Anker, die wir beabsichtigt oder unbeabsichtigt spontan im Fluß der Zeit werfen oder fallen lassen. ZEIT war einer dieser Anker, die ich werfen m u s s t e, um so leben zu können wie es meine Person und mein Lebenslauf es von mir verlangt hat. Aber der Anker ist am Morgen jenes Traumes gelichtet worden, als ich das Buch innerlich loslassen musste, seinen ungewissen Weg hinaus gehen lassen musste. Es bleibt "mein Sohn", die geistige Repräsentanz des Schriftstellers wie er sein Leben träumt, inmitten seiner Figuren. So wird man seinen Sohn ein Leben lang mal mehr, mal weniger im Auge behalten und im Herz mit sich tragen, man wird sich auf die eine oder andere Art in seine Figuren, die Imagines, verlieben, platonisch, väterlich, oder auf eine nicht besschreibbare Art. Die Imagines gehen ihren eigenen Weg und das ist gut so. Und der Schriftsteller-Vater ist stolz auf seine Figuren, er hat sie erträumt, ersehnt, visioniert, imaginiert und niedergeschrieben. Die Feder, der Füllfederhalter, das Notebook, was auch immer, sind seine Werkzeuge auf der Werkbank. Er weiss um die Dinge und erhebt sich in seiner Fantasie, nimmt die Kamera, notiert, skizziert, projeziert in den Text hinein. Die wirkliche Werkbank ist aber ganz wo anders: sie ist in seinem Kopf, Tag und Nacht, wach und träumend. Sie ist der Puls der Zeit. Dessen ist er sich gewiss, zweifelslos. "Inmitten" des Geschehens, mitten drin unter den 3.700 Besucher-innen des RDVI im Palais du musique et de congrès, bleibt er der stille Beobachter von Zeit und Menschen einschließlich sich selbst. Denn er wäre kein Schriftsteller, würden ihm keine neuen Plots und Szenen einfallen, die er niederschreiben wollte, weil sie ihn gefangen nehmen, seinen Geist beflügeln und nach einer eigenen Form drängen. Das Schreiben geschieht nicht um seiner selbst willen, es ist lediglich Ausdruck eines ewigen, fantasiebegabten Kindes, das seinen Weg in die Welt und ins wilde Leben sucht.




RDVI 2020, Strassbourg

https://www.rdvi.fr/les-selectionnes-2020.html
Plakat


 


 

„Du musst eine Geschichte erzählen“ oder Mann und Frau an Punkt X

Erde
Der geborene Schriftsteller Ernst Lipps nimmt sich Zeit und schreibt über „Zeit“.
Ein Schriftsteller kann überall sein, er spricht durch seine Figuren, mit und über sie. Er beleuchtet ihr Innenleben, genauso wie ihre Umwelt. Einer der schreibt, reist in die Vergangenheit, genauso wie in die Zukunft. Was kümmert ihn die Zeit? Dank seiner Vorstellungskraft sind alle Türen offen, auch die zum imaginären Punkt X, wo Weichen gestellt werden. „Zeit“ heißt das Debüt von Ernst Lipps, eine Collage aus Texten und Fotografien, ein Buch, das Biographie, Science-Fiction, Poesie, Beobachtung und Philosophie klug verbindet. „Ich hatte keine andere Wahl“, schreibt der Offenburger Diplom-Psychologe Ernst Lipps über seine Motivation.   

Ernst Lipps berichtet im Anfang aus seiner Familiengeschichte und ihren Katastrophen. Der studierte Psychologe ist unter der biographischen Last nicht zusammen gebrochen, sondern hat taff sich (etwas) aufgebaut. Trotz vieler Reisen (Sibirien, St. Petersburg, Mongolei) spürte er „einen Fleck in meinem Herz“. Diese Erkenntnis trifft ihn wie ein Hammerschlag. Paris, das er erst mit 60 Jahren kennen lernt, wird zu seinem turning point. „Du musst eine Geschichte erzählen“, wird ihm geraten. Ernst Lipps nennt seine Schriftstellerei „anarchisches Schreiben“, sie beginnt eines Morgens als er „weit in die Zukunft träumte.“

Seine Geschichte ist wie jede gute Story schnell erzählt. Ein Mann und eine Frau betreten die seit 1000 Jahren menschenleere Erde. Sie sind Nachkommen von Flüchtlingen und mit überirdischen Kräften ausgestattet. Ihre menschlichen Emotionen haben sie aber behalten. „Die Menschheit des 21. Jahrhunderts hatte sich mit Stumpf und Stiel ausgerottet“, schreibt Ernst Lipps über „diese unglückliche Rasse“, die mit O'anna und dem Nomaden und Krieger „der 13. Sohn“ einen Neuanfang wagt.

Der Mann in der Geschichte bleibt Wort, die Frau wird Bild. Ernst Lipps hat mit einem Modell in einer alten verlassenen Fabrik künstlerisch hochwertige Akte in schwarzweiß fotografiert. Der Fotograf Ernst Lipps begleitet O'anna vom Eintritt durch eine Tür in die Räume und Hallen, wo die Menschheit am großen, industriellen Rad gedreht hat. Die vielen Scherben sind ein Symbol dafür, wie brüchig doch alles ist. An O'annas Mimik und Gestik liest man die Verwunderung über diesen „lost place“ ab. Diese Reste der Zivilisation sind Anfang und Ende zugleich. Ernst Lipps spielt mit Licht, Perspektiven, Schärfen und Unschärfen. Seine Bilder sind Kunst.  

Ernst Lipps nimmt sich die künstlerische Freiheit die Story zu verlassen. Anfangs hatte man den Eindruck, dass hier ein Romantiker und Neo-Symbolist seine Protagonisten wie ein Caspar David Friedrich in seinem berühmten Bild „Der Wanderer über dem Nebelmeer“ (ca. 1818) verortet. Hinten liegt unsichtbar die Vergangenheit, vorne unterm Nebel die ungewisse Zukunft. Ernst Lipps lichtet den Nebel, schreibt über Glück und die Entzauberung unseres Lebens „durch die Vorherrschaft der Maschinen, besonders der Computer“.

Ernst Lipps' „Zeit“ bewahrt den Zauber, nicht nur am Anfang, wo bekanntlich immer ein Zauber inne wohnt, sondern auch am Schluss, auch ohne klassisches Happy End. O'anna wird Mutter, „der 13. Sohn“ wird ein Vater und bleibt auf der Erde und wird sich wohl vom Krieger und Nomaden zum sesshaften Bauer wandeln. „Wer hier dauerhaft leben will, muss was tun, die Dinge in die Hand nehmen, nicht hoffen und warten bis alles gut ist. Wildes Land.“ Diese heroischen Zeilen könnten aus einem John Ford Film sein, tatsächlich stammen sie von einem Neo-Symbolisten aus Offenburg. Ein programmatisches Buch!


Der Text stammt von Pascal Cames, Autor aus Offenburg

Belletristik - Science-Fiction - Fantasy - Novelle - Akt