Der GOLDENE OKTOBER 2017



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PARIS_________________


       Ich heiße Frank, bin Schriftsteller und das erste Mal in Paris. Mein Metier ist das schreiben und erzählen, erfinden und Wahres berichten auf der Suche nach einer Geschichte. „Du wirst Paris lieben“, war mir versprochen worden von ihr.  „Ist Paris fotogen?“ „Unbedingt!“ Ihre Augen strahlten und ihr Mund lachte. Mitten in Paris befindet sich der ‚Point Zero‘, wo alle Straßen dem Mittelpunkt zu streben, das geographische Zentrum von Frankreich. Und dort befindet sich auch die berühmte Buchhandlung ‚Shakespeare & Company‘.

       Paris, eine Stadt der Superlative, unerschöpflich, voller Menschen und Geschichten; mondän, snobistisch, elegant und glanzvoll, leidenschaftlich, eine schöne, begehrenswerte Frau an der Seine. Mit dem TGV von Strasbourg aus, Ziel Hotel Viator am Gare de l’Est. Fast ein Katzensprung. Während der Zug seine rasende Fahrt aufgenommen hat, sitzt neben mir am Fenster, langbeinig, eine schwarzhaarige Französin in hautengen weißen Röhrenjeans. Mehr Pariserin denn aus Straßburg, strahlt sie was beherrscht Elegantes aus, wortlos, sehr urban und très parisienne. Kaum habe ich mein kleines Gepäck verstaut, sind es kaum noch fünfundvierzig Minuten und ich muss mich schon wieder ans Aussteigen machen. Mit der Geschwindigkeit der rasenden Schlange, schlägt mir das Tempo der fremden Stadt entgegen. Ich ahne, nein, ich spüre sie.

       Am Ende steht der stählerne Lindwurm mit der schiefen Schnauze am Prellbock  Gare du Nord und schwarze Fluten hastender Menschen und rollender Koffer fließen ins Innere des Bahnhofs. Das Maul der großen Stadt schluckt sie alle. Ich bin verloren. Beschleunigung heißt das Zauberwort. In Sekunden getaktet, mitgerissen im Strom der Zeit. 10:30 Uhr am Ziel, 14:00 Uhr Check-In im Hotel. Das Gepäck ins Schließfach und eine Drei-Tageskarte für die Metro, ab die Post.

        Die Fremde wird zur Emotion, die sich nackten Zahlen entzieht. Balzac nannte es Flanieren, jene unvergleichliche Art, sich in ihr zu bewegen: Flanieren, leben. Mit 51 Jahren erlag er ihrem Tempo an einem Schlaganfall. Oscar Wilde, als entlassener Zuchthäusler, starb mit 44 Jahren am 30. November 1900 in Paris. Er war immer wieder her gekommen und hatte diese Stadt geliebt. Stadt, die tötet, Mode-Herz Europas und der Welt, Heimat und Strand ungezählter Dichter, Poeten, Musiker und Künstler, Anziehungspunkt der Eliten. Auch Serge Gainsbourg erliegt mit 62 einem Herzschlag. Schnell haben sie alle gelebt, viel er-lebt, das Tempo sich zu eigen gemacht. Paris amüsiert und tötet in einem, schnell, präzise, still und manchmal sanft.

        Und toujours l’amour: Ed van der Elskens >Liebe in Saint Germain des Près<. Ein Sturmwirbel berühmter Namen und Biographien – Paris.  Wie soll man so eine Stadt begreifen; man geht ein paar Meter, bleibt einige Stunden im ‚Le Train Bleu‘, dem schönsten Bahnhofsrestaurant der Welt und unterhält sich mit einer älteren Dame, einer 81 Jahre jungen  Jüdin über das Leben, die Menschen, ihren Sohn, den Krieg, tauscht Ansichten und Erfahrungen aus in einem dick gepolsterten Ledersessel in Cognacfarben. Ein tiefer Seufzer der Erleichterung, Augen sehen sich nicht satt an der Belle Epoque. Dezent fotografiere ich das edle Innenleben, Milieuskizzen mit farbigen Kellnern und Bedienungen in weißen Hemden und Blusen, schwarzen Jacketts, silbernen Tabletts und einem leicht gelangweilten Blick. Ich bin angekommen, habe das Tempo an mich angepasst und bin nun bereit für alles Weitere. Ein Lattiero Baileys für 9.- Euro inklusive.

       Im Hotel bleibt das Gepäck zurück und das Doppelbett zum Schlafen spät in dieser Nacht. Leichten Fußes geht es zum Montmartre, der ehemaligen Künstlerkolonie par ecellence. Am Place des Abbesses mit einer Mauer aus Kacheln voller Schriftzeichen: in über 300 Sprachen ist dort der Satz >>Je t’aime<<, ich liebe dich, für alle Zukunft hinterlassen worden. Eine Farbige erlaubt mir, Fotoportraits von ihr zu machen, „mais pas pour l’internet“. Ich verspreche es ihr, bedanke mich höflichst und werde mich an mein Versprechen halten. Es gäbe noch viel zu berichten vom Montmartre, aber Paris ist mehr als alles. Es ist ein Gefühl, dass es hier moderne Wunder gibt mitten in der Stadt. So rief einmal die Fotografin Cathleen Naundorf Jean-Paul Gaultier an und bekam auf Anhieb eine Einladung für eine Session. 


Oder der Film ‚Die fabelhafte Welt der Amélie‘, der im Montmartre spielt. Um Mitternacht  zurück ins Hotel mit einem Sack voll neuer Eindrücke und Erkenntnissen.
Am nächsten Morgen ist Frank früh wach. In Paris schläft man nicht lang, dafür ist die Stadt viel zu groß und hat so vieles zu bieten. Im kleinen Frühstücksraum sitzen Fremde. Café noir, Müsli, Orangensaft. Man fühlt sich wie ein Homunkulus, ein unfertiger Mensch. Das Angebot erschlägt jede Fantasie. Um hier zu leben, sollte man sich sehr gut auskennen. Verglichen mit Sankt Petersburg, das gewaltig im Norden liegt,  ist Paris unvergleichlich. Zeit, sich zu sammeln und vorzubereiten für einen neuen langen Tag mit allen seinen Überraschungen. Es soll regnen, als wäre es ein Zeichen, dass es auch  Normalität und Alltag gibt.  Les Parisiens  sind was Besonderes, selbst die Madame de Services. Frank hatte sich vorgenommen, zu Fuß Seine-abwärts zu laufen entlang der Rive Gauche in Richtung Quartier Latin und die Buchhandlung von Silvia Beach zu suchen: Shakespeare & Company. Vorher machte er noch einen Abstecher ins Museum  ‚Monde Arabe‘, um die einmalig  schönen Handschriften der Araber zu bestaunen. Ihre Artefakte und Lebenskultur im wachsenden Einfluss des Islams im Europa des 21. Jahrhunderts. Das kubistisch anmutende Gebäude mit metallenen Irisblenden auf der ganzen Oberfläche, sollte wohl zeigen, dass Vergangenheit und Zukunft den Orientalen nicht fremd ist.

       Als ich vor der Buchhandlung stehe, mit den Auslagen voller Buchtitel, bin ich überrascht über die Kompaktheit von ‚Ein Buchladen in Paris‘ wie der Untertitel eines Taschenbuchs lautet, in dem Sylvia Beach, die Gründerin, berichtet wie es vor rund 100 Jahren dazu gekommen war. In ihrem Laden gingen viele der späteren Berühmtheiten der Literatur der ‚Twenties & Thirties‘ vergangenen Jahrhunderts ein und aus. Beach promotete James Joyce, ließ sich von Ernest Hemingway vor den Nazis retten; Menschen und ihre Zeit. Ich betrete die Buchhandlung, nein, fotografieren dürfe ich innen nicht. Aber in aller Ruhe die hunderte Buchrücken und Cover betrachten, auswählen: ‚Howl‘ von Allen Ginsberg, ‚Silvia Beach and  the Lost Generation‘ von Noel Riley Fitch, F. Scott Fitzgerald – The Great Gatsby‘, um nur einige zu nennen. Im Obergeschoß nehme ich die Pianoklänge eines Klavierspielers auf und ruhe mich ein wenig aus.
Vorbei an den Auslagen der Buchstände an der Mauer der Seine. Noch ein paar Postkarten, um nach Hause zu schreiben, mitnehmen und dann eine Pause vor einem Café auf dem Boule Saint Michel.  Hier begegne ich einem  Menschen, einem der Pariser Clochards, der auf dem Gehsteig mit einem Pappbecher sitzt und bettelt. In meinen Augen ein König der Pariser Straßen, am letzten Ende der Sozialkette angelangt. Ich schaue ihm zu, während ich Postkarten schreibe und mich stärke für die nächste Etappe. Dann frage ich ihn: „Peut  je faire un  fotoportrait de vouz?“ Er ist mit einverstanden und ich nutze die Gunst der Stunde und arbeite mit einem offenblendigen Objektiv hautnahe mit ihm. Das Trinkgeld reicht für eine warme Mahlzeit und ein Dessert. Ehrensache. Geben und Nehmen in selbstverständlicher Art und Weise. Die Bilder landen auf einem klassischen Fotofilm von ILFORD, um mit echtem Korn und analogen Mitteln zum Ergebnis zu gelangen. Post-Cards, um nach Hause zu schreiben.
In der Absicht, das nächste Postamt aufzusuchen und die Karten abzuschicken, überquere ich die Pont des Arts vor dem Institut de France. Hier wurden fünf königliche Akademien gegründet, unter anderem die Akademie française, die 1635 gegründet  wurde, um über die Reinheit der französischen Sprache zu wachen. 40 >Unsterbliche<, auf Lebzeiten gewählte Sprachwächter hat die Jahrhunderte alte Institution besetzt mit Trägern der intellektuellen Elite. Sie wurde damals von Napoleon hierher verlegt. Auf Schritt und Tritt Bedeutsamkeit.
      

F. Scott Fitzgerald schrieb in „Früher Erfolg“, dass jeder nennenswerte  Dichter vor seinem  Einundzwanzigsten Bedeutsames geschrieben haben muss. Zumindest dachte er so in seiner Jugend und gab sich noch ein Jahr um sein Ziel zu erreichen. Schriftstellerei ist mindestens so chaotisch wie in Paris leben. Frank stand dem Ende seines Lebens näher als dem Anfang; es galt, ungeschriebene Gesetze zu brechen, dessen war er sich bewusst. Er betrachtete es als eine genauso große Verlockung wie Herausforderung auf der letzten Abfahrt seines Lebens. Entscheidungen schaffen Tatsachen.
  

   

       Der Pont des Arts überbrückt die Seine zwischen dem Institut de France und dem Musée du Louvre. Überquert man ihn, diese hölzerne Bohlenbrücke mit den tausenden Liebesschlössern, die am Geländer der Brücke hängen und deren Schlüssel nach Anbringung ins Wasser der Seine zu werfen sind, erblickt man Seine-aufwärts den Pont Neuf und die Ile de la Cité. Während ich über diese Brücke ging und zur Post wollte, kam ich an den Sitzbänken auf der Brücke vorbei und sah auf einer eine junge Frau sitzen. Sie hatte ihre Beine übereinandergeschlagen, ein dunkles Gesicht, schwarze gelockte Haare zu einem Knoten gebunden, trug eine schwarze dünne Weste und einen weißen mit farbigen Blumen geschmückten Rock. Ihre Füße steckten in Sandalen aus Holz; auf ihrem Schoß lag ein Skizzenblock und Bleistifte. Sie schien zu schreiben oder zu malen, Skizzen zu machen. Sie war eine aparte Erscheinung, strahlte Konzentration und Kontemplation gleichermaßen aus, was meine Aufmerksamkeit schlagartig fesselte. Sie trug eine dunkle, große Sonnenbrille. Ihr Blick richtete sich geradeaus oder ruhte auf dem Skizzenblock. Eine gepflegte Erscheinung. Blitzartig kam mir der Gedanke ‚Die musst du fotografieren‘. Im selben Augenblick spürte ich eine große Befangenheit und Scheu, sie anzusprechen. Deshalb ging ich zögernd weiter, an ihr vorbei, kaum eineinhalb Meter, dann blieb ich wie angewurzelt stehen, magnetisch von ihr angezogen. Mein innerer Kampf dauerte nur ein paar Sekunden. Eine uralte Fotografenregel schoss mir in den Kopf: „Mach‘ es jetzt, oder nie!“ Eine unsichtbare schwere Faust zog mich zu der Fremden zurück. Ihr jugendlicher  Charme machte sie zum Mittelpunkt meiner Reise nach Paris, obwohl ich noch kein Wort mit ihr gewechselt hatte. Ihre Anziehung ließ keinen Zweifel, sie werde ich fotografieren, ich musste sie auf Französisch fragen. Allen Ginsberg hatte es ‚mit  Augen der Engel‘ sehen umschrieben, diese Liebe zum Augenblick in dem man sich dem Subjekt einer Sache voll und ganz verschreibt.

„Pardon, Madame, peut je faire des photos, des portraits de vouz ?“

Der entscheidende Schritt war getan, die Schwelle zu ihr überschritten. Nun gab es kein Zurück, keine Vermeidung mehr. Mein sehnlichster Wunsch war ausgesprochen, nun konnte sie reagieren und zeigen, ob sie Interesse, Neugier, Experimentierlust oder einfach nur gute Laune und Nonchalance hatte.

„Je suis un photographe allemand, attirer de votre présence…“

Sie sah mich an, ruhig, unaufgeregt, normal, mit einem offenen, leicht überraschten Blick und antwortete ohne das geringste Zeichen eines Zögerns:

„Mais óui, pourquois pas…“

Das genügte, um mich sprachlos zu machen. Diese Weltoffenheit und Unbefangenheit hatte ich noch nirgends erlebt, das musste das wahre Paris sein. Anders konnte ich mir ihre Reaktion nicht erklären. Unglaublich, diese offene Bereitschaft, das war Paris…, meilenweit enthoben aller Provinzen dieser Welt. So kam mir das vor und ich würde handeln, ohne in Gedanken hängen zu bleiben. Eine Frage ohne Wahl, eine Antwort ohne Schranken. Henri Cartier-Bressons „moment décisif“. Dabei ging es mir in keiner Weise kaum, mich mit ihm zu vergleichen, oder überhaupt Bezug auf ihn zu nehmen. Ich hatte Selbstbewusstsein genug, um meine Maßstäbe zu setzen oder sie an etwas anzulegen. Nur so konnte ich diesen köstlichen Moment genießen und spüren, dass mein Blut mir vom Herz den Hals hoch stieg, ins Gesicht, und meine Gedanken und Handlungen beflügelte. Glücksmomente in der reinsten Form. Echtheit der Gefühle und des Wünschens, keine nur gebuchten Aktionen, reine Begegnungen und Impulse.  Mitten auf der Seine, auf dem Pont des Art, legte ich die Sachen hin und begann, sie zu fotografieren während neben ihr noch eine etwas ältere Frau saß. Meine Konzentration galt ausschließlich der Namenlosen. Ich hatte nur Augen für sie, die keine Scheu zu kennen schien und sich von einem unbekannten Deutschen portraitieren ließ.

>Je t’aime<, wie es auf der Wand auf dem Montmartre stand; Paris, dich, mich, die Situation, die Fotografie, das einmalige Gefühl, die Welt und das Universum. Jemand nannte es mal den „Flow“, das unbeschreibliche Glücksgefühl, das in einer menschlichen Handlung liegen kann, wenn man mit ihr eins geworden ist – wie das Schreiben, wenn es fließt. Verweile, oh Augenblick, denn du bist so schön…“. Ein Drama hat drei Abschnitte: Beginn – Höhepunkt – Abschluss. Zum Glück gehört oft die Angst, die Angst, dass die Fotografien falsch belichtet sind, oder sonst ein Fehler sie unbrauchbar machen würde. Dass der Film beim Entwickeln versaut würde – ich habe ihn selbst entwickelt und damit die volle Verantwortung für die Ergebnisse übernommen. Alle Sorgen erwiesen sich im Nachhinein als unbegründet, aber sie gehören zum Moment des Glücklich-Seins dazu. Zeigen sie doch, wie sehr wir das Glück erkennen und genießen wollen. Diese Momente, die Leben heißen, die uns gesund erhalten in einer kranken Welt. Ich und Du = Glück, eine hedonistische Gleichung, eine Beziehungs-Tat! Die universelle Formel. Die Stadt der Liebe schenkt diese unglaublichen Momente.
   

       Bild und Sprache, die universelle Formel. Ebenen des Geistes, in denen das Sein und das Glück ausgelotet werden. Frei, selbstbestimmt, anarchisch. Keine Macht, keine Politik, kein Geld, keine Abhängigkeit, keine Sklaverei. Zwei Menschen, eine Stadt, eine Kamera, ein Objektiv, ein Füllfederhalter, Bleistifte, Papier, Nähe und Entfernung in wechselnden Distanzen.
Liebe ist nicht nur, wenn man hirnlos aneinander rumfummelt, oder auf der Jagd nach dem perfekten Partner ist. Sie hat mit all diesem Unsinn nichts zu tun. Liebe ist chaotisch, anarchisch, unberechenbar und individuell. Natürlich ist es Quatsch, man liebt keine Fremde nach ein paar Minuten, man liebt das Leben, die Stadt, oder auch nicht, das eigene Tun, den Mut, die Lust, die Sonne oder die Wolken. Begriffe sind in meiner Vorstellung nicht dazu da, mich einzuengen, sie sind dazu da, mich mit mir und der Welt mehr in Einklang zu bringen. Es gibt zwei Worte dazu: ja, und nein. Liebe ist unerschöpflich, wir sollen lieben, was unser Herz zum Klingen bringt und unseren Verstand zum Schweigen.

        Das geschah in gerade diesem Augenblick in Paris. Ich konzentrierte mich auf das Licht, die Perspektive, Ausschnitt, Blende, Zeit, Kamera, Objektiv, zagend und doch vertrauend auf ihre Geduld und Natürlichkeit. Alles war auf einen Punkt konzentriert: Sie, die Fremde, die wilde sanfte Schöne mit ihren Farben und Formen. Ich kniete nieder auf das ausgebleichte Holz, um Spannung in meine Fotografie zu bringen. Mir war von Anfang an bewusst, dass ich nur Sekunden bis Minuten haben würde, um meine Bilder zu bekommen. Der Schlussakkord war der Satz: „Merci, Madame, pour le plaisir“. Ich bot ihr an, im Austausch zu den Mailadressen, ihr die Ergebnisse per Mail zu schicken. Ich bat sie noch um etwas Geduld, da ich wusste, dass die analogen Filme erst entwickelt und gescannt werden mussten. Sie versprach, dies zu berücksichtigen.
Saint- Sulpice: Mit seinem Krimi „Illuminati“ verärgerte der Bestseller-Autor Dan Browne die Kirche und begeisterte seine Leser. Die Kirche soll die geheimnisvolle >Rosenlinie<  beinhalten. Nachgelegt wurde mit dem „Da Vinci Code“. Der Autor soll es mit historischen Fakten nicht besonders genau genommen haben. Das tat dem Erfolg keinen Abbruch, sondern half der Fantasie und der Spannung. Östlich von Saint-Sulpice befindet sich der tatsächliche Nullmeridian von Paris, der genau durch die Spitze der Louvre-Pyramide verläuft. Seit 1884 gilt der Greenwich-Meridian, davor war es der Nullmeridian in Paris. Lauter kleine Wunder in den Straßen von Paris.

       Um 21:00 Uhr sitze ich in einer Bar. Der Chef schüttelt seine Drinks, die Pariser sitzen am Freitagabend wohl mehrheitlich zu Hause, oder täusche ich mich? Später steige ich in die Metro hinab und fahre kreuz und quer durch Paris. Nach Mitternacht lande ich draußen im Westen bei der >Grande Arche<, wo die Metro erst gegen Morgen um 5:30 wieder in das Zentrum zurückfährt. Mehr geht nicht an einem Tag in dieser phänomenalen Stadt. Aber die Geschichte war noch nicht zu Ende. Genau genommen hatte sie erst begonnen. Zuhause schickte ich die versprochenen Bilder und schrieb eine Mail an sie. Sie war begeistert; im Übrigen würde sie gerne modeln. Ich bin darauf eingegangen, so kam eine zweite Verabredung in Paris, einige Monate später im Früherbst zustande. Da sie gerade geheiratet habe, bot sie mir ihr ‚Studio‘ an zum Übernachten. Ein weiteres Mal blieb mir nur das große Staunen über die Pariser Gepflogenheiten.

       Einen Tag für die Anreise, das Fotografieren, eine Übernachtung und am nächsten Mittag die Abreise! Alles andere ließen meine übrigen Termine nicht zu. In jenen Tagen entstand der Plan, zum Jahreswechsel mit der Transsibirischen Eisenbahn zu reisen – bis in die Mongolei. Paris und  sie hatten viel in mir freigesetzt. Ich wusste, dass mich etwas rief. Ein Schriftsteller verleiht der stummen Kreatur Worte und Gefühle. Er beschreibt den handelnden Menschen im Raum der Fantasie und der Halluzination. Sein sprachlicher Gestaltungsraum umfasst das ganze Leben, die Liebe, das Leid und den Tod. Er schreckt vor nichts zurück, er demaskiert Tabus und das Pathologische seiner Zeit. Und was ich damals noch nicht wissen konnte, ich unternahm Schritte, die zu einer ersten Buchveröffentlichung führen würden.
Als ich damals eine neue digitale Kamera im Fotogeschäft abholte, fragte mich die Verkäuferin:

„Und was fotografieren Sie jetzt damit als erstes?“ Wahrheitsgemäß antwortete ich ihr: „Eine sehr attraktive Pariserin…“. „Und wegen dieser Frau fahren Sie extra nach Paris, um sie alleine zu fotografieren?“ „Ja, das mache ich!“

„Mais óui, pourquois pas!“


Wenn Frank damals versuchte, sich besser zu verstehen, so erinnerte ihn seine Schwester daran, dass sie ihn als Kind so erlebt hatte: „Ich habe dich damals erlebt, du warst glücklich, voller Kraft und Energie …, ja, voller Kraft; das war bei dir so stark zu spüren, … etwas ganz Besonderes.“

       Dieses Gefühl der kindlichen Unbeschwertheit wollte ich mitnehmen und fand viel Unterstützung, besonders von Frauen, bevor ich ein zweites Mal in den TGV stieg, auf dessen Lokomotive „574,8 km/h“ stand, weltschnellster Zug. Ich wollte ihr ganz, ganz nahe kommen mit der Kamera, keine überflüssigen Distanzen bewahren. Der Schnellzug brachte mich zu ihr, sie holte mich in der rue de Rivoli ab, ein Espresso im Café nachdem ich meine Sachen in ihrem ‚Studio‘ gelassen hatte. Dann an die Seine auf der Höhe der Ile de Cité. Sie hatte nur wenige Stunden Zeit und die galt es zu nutzen.


Der Stress und die Hektik brachte Hunger mit sich und ich lud sie ein, mit mir auf einem Restaurantschiff, vertäut an der Kaimauer der Seine, zu Mittag zu essen. Während des Essens unterhielten wir uns übers Schreiben und Pläne für die Zukunft. Sie erzählte mir von ihrem Manuskript von mehr als 600 Seiten, das mit ihrer Kindheit im Senegal begann und ihre ersten Jahre des Einlebens in Paris beschriebe. Verlage hätten alle abgelehnt. Ich würde heute noch das Manuskript ins Deutsche übersetzen lassen und veröffentlichen, wenn ich die Mittel dazu hätte. Ich zweifle keinen Augenblick daran, dass diese Frau mit ihrem Temperament die Fähigkeiten hat, eine spannende Geschichte zu erzählen. Ich hatte es mir zur Voraussetzung gemacht, dass diese Bilderstrecke besonders werden müsste: Nahe an sie ran, ganz nah, hautnah. Und so verlief das folgende Ereignis. Im Laufen entstanden Portraits voller Persönlichkeit und Echtheit. Sie bestand darauf, dass ich die Fotografien möglichst wenig, am besten gar nicht, retuschieren solle. Sie liebe harte Kontraste, Poren, Narben, Haut wie sie ist. In Farbe, in Schwarz-Weiß, mit und ohne entfesselten Blitz  Paris ist sehr fotogen.


       Später, Wochen nach dem Ereignis nannte sie mich einen ‚vrai artist‘, ihr schienen die Bilder sehr gefallen zu haben. Als ich sie nach mehr als einem Jahr wieder einmal anschrieb, brachte sie ihre große Freude zum Ausdruck und die ‚grande nostalgie‘ beim Anblick meiner Worte und die Erinnerung an damals. Warum sehen, denken, schreiben und fotografieren wir Menschen?
   


Es ist die unstillbare Sehnsucht nach Ewigkeit.




In memoriam, Gaby Winkelmann

2017 © Ernst Lipps

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